Heilpilze in der Tradition des Westens

Heilpilze in der Tradition des Westens

Heilpilz – Tradition im Westen

Es wäre nicht gerecht, die westliche medizinische Tradition zu vernachlässigen, obwohl die Verwendung von Heilpilzen sich nie so verbreitet hat wie in Asien.

Im Jahre 1991 wurden die 5.300 Jahre alten Überreste der naturbelassenen Mumie, bekannt als Ötzi, der Eismann, in den Ötztaler Alpen, an der Grenze zwischen Italien und Österreich, gefunden. Der Mann trug zwei Pilzarten (beide mit wohl bekannten medizinischen Eigenschaften) – Fomes fomentarius (Zunderschwamm), wahrscheinlich zum Feuermachen verwendet, und Piptoporus betulinus (Birkenporling), ein Heilpilz, der für seine antibakterielle und Antitumoraktivität berühmt ist.

Ötzi, die Eismann - Mumie
Ötzi, der Eismann ist eine 5300 Jahre alte, naturbelassene Mumie, die in den Ötztaler Alpen im Jahre 1991 gefunden wurde.
Fomes fomentarius – Heilpilz, der auf einem Baum wächst (älteres Exemplar)
Fomes fomentarius oder Zunderschwamm ist eine von zwei Pilzarten, die von Ötzi, dem Eismann getragen wurde. Er kann zum Feuermachen verwendet werden (im Englisch) und ist nützlich gegen Krebs.
Piptoporus betulinus, auf einem Baum wachsend
Piptoporus betulinus ist für seine Antikrebs-, entzündungshemmende, antibiotische (besonders antibakterielle), und antiparasitische Aktivität bekannt.

Die alten Griechen und Römer

Neben der kulinarischen Verwendung, die alten Griechen und Römer kannten verschiedene Heilpilze (insbesondere Lycoperdon perlatum, Flaschen-Stäubling ), ist er für die Heilung von Wunden nützlich. Ihre Verwendung setzte sich im Mittelalter und in der Renaissance fort.

Ein altes römisches Mosaik in Aquileia (Italien). Die alten Römer bevorzugten Amanita caesarea (Kaiserling) als Nahrung.
Ein altes römisches Mosaik in Aquileia (Italien). Die alten Römer bevorzugten Amanita caesarea (Kaiserling) als Nahrung.

Hippokrates von Kos (antikes Griechenland), der „Vater der modernen westlichen Medizin“, erwähnte die Verwendung von Pilzen in der Medizin in der Jahrhundertwende des 5. Jahrhunderts v. Chr.

Hippokrates Gravur
Eine Gravur von Hippokrates, dem Vater der modernen westlichen Medizin, von dem niederländischen Künstler Peter Paul Rubens aus dem Jahre 1638. Hippokrates, einer der größten Ärzte seiner Zeit, basierte seine medizinische Praxis auf Beobachtung, dem Studium der Anatomie und der rationalen Erklärung von Krankheiten, den Aberglauben über ihren Ursprung abweisend. Sogar heute legen Ärzte den hippokratischen Eid (in einer modernisierten Form) ab, bevor sie promovieren und mit ihrer Praxis beginnen.
Fomitopsis officinalis, von einem alten Baum hängend
Fomitopsis officinalis, der berühmte Agarikon-Pilz, wie die alten Griechen und Römer ihn genannt haben. Sie haben ihn als Panacea (Allheilmittel) verwendet; er entlockt eine mächtige Antikrebs-Aktivität.


Plinius der Ältere (1. Jahrhundert n. Chr.), ein römischer Naturforscher, Autor und Feldherr schrieb Naturalis Historia. Darin erwähnt er viele Heilpilzarten, normalerweise sie als Agarikon bezeichnend, so dass die wahre Pilzart hauptsächlich unbekannt ist. Höchstwahrscheinlich bezieht sich der Name auf den nahmhaften Heilpilz Fomitopsis officinalis (Lärchen-Baumschwamm), der als Allheilmittel verwendet wurde, obwohl er häufig mit einem ähnlichen Baumschwamm verwechselt wurde.

Dioskurides war ein Arzt in Neros Armee in der Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr., der das meist gelesene Werk über Pflanzenheilkunde in der Geschichte, De Materia Medica, eine 5-bändige Enzyklopädie, schrieb. Die alten griechisch-römischen Autoritäten (Plinius, Dioskurides und Galen) glaubten, dass Pilze von der Fäule feuchter Erde gebildet werden, giftig sowie unverdaulich und ohne Nährwert sind. Die einzige Ausnahme davon war der berühmte „Agarikon“, Fomitopsis officinalis, der als Panacea, d.h. Allheilmittel, besonders bei Tuberkulose und Krebs verwendet wurde.

Das dunkle Mittelalter

De Materia Medica war für mehr als 1500 Jahren unbestritten und reduzierte effektiv die traditionelle Verwendung von traditionellen Heilpilzen im Westen. Die Irrtümer von Dioskurides und Galen sind in den Köpfen von vielen sogar heute noch präsent.

Dioskurides de materia medica
Dioskurides (40-90 n. Chr.), ein griechischer Mediziner in der römischen Armee, schrieb Περι υλης ιατρικης (Peri ulhV iatrikhV), besser bekannt unter dem lateinischen Namen De Materia Medica (Über die Arzneimittellehre). De Materia Medica ist eine 5-bändige Enzyklopädie, die ca. 600 Pflanzen und 1.000 Arzneimittel, die von ihnen entstammten, beschreibt. In den folgenden 1.500 Jahren war es das wichtigste pharmakologische Werk in Europa und dem Nahosten und als ein Dogma (eine Reihe von Grundsätzen, die von einer Autorität als widerspruchslos wahr gegeben sind) akzeptiert. Hier sind drei Ausgaben: auf Lateinisch, Griechisch und Arabisch, die während des Mittelalters im Umlauf waren; nach 1478 wurde es auch auf Italienisch, Deutsch, Spanisch und Französisch gedruckt. Während die Verwendung von Heilpilzen in dem Westen nie weit verbreitet war, wurden Heilpilze durch den Einfluss von De materia medica sogar noch unbeliebter.
mittelalterliches Scriptorium, wo Bücher kopiert wurden
Scriptorium (Lateinisch: ”ein Platz zum Schreiben“), war ein Zimmer in einigen europäischen Klöstern, wo klösterliche Schreiber Manuskripte kopierten. Das war der vorwiegende Weg des Wissenstransfers vor der (westlichen) Erfindung der Druckerpresse im Jahre um 1440 herum. In der Renaissance wurde das Dogma durch die Kraft des rationellen Denkens und der Experimente verworfen.

Hl. Hildegard von Bingen, eine christliche Heilige und Mystikerin aus dem 12. Jahrhundert, war ihrer Zeit voraus. In ihrem Werk über Medizin schrieb sie vor fast 800 Jahren, dass auf dem Baum wachsende Pilze genießbar sind oder eine medizinische Wirkung haben. Interessanterweise gibt es keine bekannten giftigen Arten von holzigen Pilzen (Polyporen), obwohl die meisten zu hart sind, um gegessen zu werden.

Osteuropa und darüber hinaus

Auf der anderen Hand gibt es reiche osteuropäische Traditionen (hauptsächlich slawische: russische, polnische und tschechische, aber auch ungarische), die Heilpilze verwenden. Inonotus obliquus (Chaga) ist wahrscheinlich der bekannteste; zusammen mit Piptoporus betulinus wurde er bei der Krebsbehandlung verwendet. Zu anderen Heilpilzen, die verwendet wurden zählen: Laricifomes officinalis (= Fomitopsis officinalis), Fomes fomentarius, Phellinus igniarius, und viele andere.

Inonotus obliquus (Chaga)
Chaga, Inonotus obliquus, ist ein berühmter Heilpilz gegen Krebs, besonders in Russland, wo er mindestens seit dem 16. Jahrhundert verwendet wurde. Neben seiner Wirkung auf Krebs, verändert er auch das Immunsystem, bekämpft Virusinfektionen, hilft den Blutzucker und den Cholesterinspiegel zu normalisieren und hat einen antioxidativen und Anti-Aging-Effekt.

Die traditionelle Verwendung von Pilzen entwickelte sich in anderen Orten rund um die Welt, jedoch in einem viel kleineren Umfang. Wir sollten manche nord- und südamerikanische Stämme, australische Ureinwohner, verschiedene nigerianische Stämme und anderswo in Afrika erwähnen. Die Ethnomykologen, welche die rapide verschwindenden Traditionen der medizinischen Verwendung von Pilzen erforschen, haben noch immer viel zu entdecken.

Bildquelle: Paul Hanny, Flickr:: fotoculus, Scot Nelson